Mehr Verantwortung bitte!

Kinder brauchen starke Eltern

Wenn Kinder in emotional herausfordernden Situationen anfangen zu schreien, zu schlagen, zu beißen oder zu treten, sind die Erzieher*innen oft ratlos und begegnen im Elterngespräch ebenso ratlosen Müttern und Vätern... Was können Lösungen sein?

Der Film „Systemsprenger“ hat vor ein paar Jahren für Erschütterung gesorgt. Da zeigt sich ein Hilfesystem so hilflos, dass ein offensichtlich hilfebedürftiges Kind keinen Platz mehr darin findet und aus dem Rahmen fällt.

Eine Seltenheit ist das leider nicht, wie wir in unserem Arbeitsalltag immer wieder feststellen. Schulausschlüsse kannten wir schon länger. Aber inzwischen haben wir es in unserer Familienberatungsstelle auch mit Eltern zu tun, deren Kinder aufgrund ihres Verhaltens aus der Kita ausgeschlossen werden. In emotional herausfordernden Situationen fangen sie an zu schreien, zu schlagen, zu beißen und zu treten. Die Erzieher*innen sind ratlos und begegnen im Elterngespräch ebenso ratlosen Müttern und Vätern, die gehofft haben, in der Kita werde sich das Kind schon noch richtig entwickeln. Alle Augen richten sich dann auf die Diagnostik in ein paar Wochen oder Monaten, die langwierige Suche nach einem Ergo-, Logo- oder Psychotherapieplatz, den Wechsel in die HPT oder SVE beziehungsweise die Aufnahme in die Wichern-Schule oder ins Förderzentrum im Folgejahr…Doch das ist meist nur ein Teil der Lösung.

Wir erleben immer wieder, wie schnell das Kind zum „Problem“ erklärt wird. Schließlich zeigt es Symptome, die schnell an mangelnde sozial-emotionale Kompetenzentwicklung, an ADHS oder gar an eine Autismus-Spektrums-Störung denken lassen, Tendenz steigend. Wenn wir in unseren Beratungen tiefer einsteigen, erfahren wir allerdings häufig, dass diese Kinder in ihrer Familie das ABC des Miteinanders gar nicht mehr erlernen. Dazu gehört nicht nur, Regeln und Grenzen einzuhalten, sondern vor allem auch, einander liebevoll zu begegnen und im Austausch zu sein über die jeweiligen Bedürfnisse, Gefühle und den achtsamen Umgang damit. „Vor der Erziehung muss die Beziehung stehen“, erklärt unsere Kita-Psychologin Ulrike Becker-Nicklas immer wieder. Das aber erfordert, dass ich als Mutter oder Vater die Bereitschaft mitbringe, diese Beziehung von Baby an zu pflegen. Die vielen Eltern, denen wir mit Buggy in der einen und Smartphone in der anderen Hand begegnen, bewirken das Gegenteil – und das erfüllt uns als systemisch ausgebildete Berater*innen mit großer Sorge. Wir beobachten eine Beziehungslosigkeit von ANFANG an. Frühkindliche Bindungs- und Entwicklungstraumata haben hier ihren Ursprung und verhindern das, was wir uns für alle Kinder wünschen: die Chance auf eine gesunde Entwicklung von klein auf!

An der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Heidelberg ist im August 2025 ein Artikel über Medienkonsum im Vorschulalter erschienen. Und dieser Medienkonsum beginnt nicht selten bereits im Buggy, wo Tablets in Kinderaugenhöhe angebracht werden. Die „angenehme Ruhe“, die dabei entsteht, hat fatale Folgen: Die Forschenden berichten von Defiziten bei Sprache und Kognition sowie Störungen im Bereich der Emotionen, des Verhaltens und der Entwicklung. Immer wieder begegnet uns der populärwissenschaftliche Begriff des „Virtuellen Autismus“, bei dem Kinder starke Einschränkungen in der sozialen Interaktion, der verbalen Kommunikation und der Reaktion auf reale soziale Reize zeigen. Hinter so manchem klinischen Verdacht – so unser systemischer Verdacht – steckt eher und gewissermaßen grundlegend eine andere Ursache: Kinder leiden unter einer Kindheit, in der es an liebevoll gesetzten Grenzen, wertschätzender familiärer Interaktion und elterlicher Verantwortung mangelt. Dagegen helfen auch noch so viele Fachkräfte nicht – was es stattdessen braucht, ist nur eine verantwortungsbewusste Veränderung im Familiensystem.

Wir wissen, wie herausfordernd der Alltag mit Kindern ist. Schließlich sind viele von uns selber Eltern oder auch schon Großeltern. Dieses Wissen – gepaart mit fundierter psycho-, paar- und familientherapeutischer Ausbildung – geben wir an unsere Klient*innen weiter. Wir fragen sie: Was möchten Sie Ihrem Kind mit auf den Lebensweg geben? Welche Werte und Ziele sind Ihnen in der Erziehung ihrer Kinder wichtig? Welche Eigenschaften und Fähigkeiten möchten Sie bei ihren Kindern unterstützen und fördern? In den FamilienTeam Kursen, die wir mit externen Trainerinnen ein- bis zweimal pro Jahr anbieten, spielen diese Fragen eine wichtige Rolle. Denn sie sind die Richtschnur der Erziehung und bilden den Maßstab für die Werte, Regeln und Grenzen, die nur die Eltern setzen können (und müssen): Eltern haben sowohl die Erziehungshoheit, als auch die Erziehungsverantwortung.

Mit Verständnis und einer neu erlernten Haltung machen wir uns gemeinsam mit den Eltern auf die Suche nach dem Grund für das kindliche Verhalten. Es wird gefragt, nicht geurteilt. Es wird in den herausfordernden Moment investiert – und nicht in langwierige Machtkämpfe. Es gibt Klarheit und Konsequenz statt Schimpfen und Strafen. Und am Ende kann die Beziehung, die Erziehung überhaupt erst möglich macht, wieder wachsen und gedeihen. All dies lässt sich zum Glück lernen und sogar als Teil des Bildungsauftrags, den das BildungsLokal Hasenbergl übernommen hat, definieren. Wir freuen uns sehr, dass wir den aktuellen FamilienTeam Kurs als Teil einer neuen Kooperation finanzieren lassen können und sind gespannt, was wir in Zukunft gemeinsam bewegen können.

Claudia Mattuschat & Ulrike Becker-Nicklas

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