Aus unserem Jahresbericht

Gegen Einsamkeit - Gespräche an der Haustür

Senior*innen, die bisher nicht an das ASZ Hasenbergl angebunden sind, sind oft schwer zu erreichen. Unsere Dualstudierende hat ihr Projekt „Haustürgespräche“ gestartet. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

Das ASZ Hasenbergl besuchen jede Woche bis zu 200 Senior*innen. Viele von ihnen kommen seit Jahren, sie besuchen den sozialen Mittagstisch oder eines der vielen bunten Angebote, die täglich stattfinden. Viele von ihnen treffen liebgewonnene Nachbar*innen und andere Senior*innen, zum Ratschen oder für gemeinsame Unternehmungen.
Senior*innen, die bisher nicht an das ASZ Hasenbergl angebunden sind, sind oft schwer zu erreichen. Unsere Kollegin, Sozialstudierende der Sozialen Arbeit, hat ihr Projekt „Haustürgespräche“ gestartet. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

Du hast letztes Jahr im ASZ ein ganz tolles neues Angebot gestartet. Magst du mal kurz beschreiben, was du
da so machst?

Das Ganze nennt sich Haustürgespräche im Hasenbergl. Im ASZ Hasenbergl sind wir für das ganze Viertel zuständig, merken aber, dass wir nicht alle Senior*innen erreichen, dass immer wieder die gleichen Menschen zu uns kommen. Natürlich fragen wir uns, woran das liegt und wie man die älteren Menschen besser erreichen könnte.

Wir haben eine SAVE-Fachkraft, die Streetwork mit Senior*innen hier im Viertel macht. Sie ist an öffentlichen Plätzen unterwegs, in Parks, an Seen und kommt in Kontakt mit vielen Menschen. Dennoch gibt es immer noch eine beträchtliche Anzahl an alten Menschen, die in den Wohnungen sitzen, vielleicht gar nicht mehr rauskommen, weil der Aufzug ausgefallen ist oder weil es vielleicht gar keinen Aufzug gibt.

WIR HABEN FESTGESTELLT: DAS EINZIGE, WAS NOCH BLEIBT, UM DIE SENIOR*INNEN ZU ERREICHEN UND SIE AUS DER EINSAMKEIT ZU HOLEN, IST AUFSUCHENDE ARBEIT.

Und dann habe ich einfach angefangen, loszugehen und bei den Senior*innen an der Wohnungstür zu klingeln.

Was hat Dich dazu veranlasst, einfach loszugehen?

Tatsächlich gab es eine Initialzündung: Eine* unserer Klient*innen mit Wohnung im siebten Stock hier im Viertel konnte die Wohnung nicht verlassen, weil der Aufzug im Haus nicht ging. Die Person war in der Wohnung gefangen, hatte Herzprobleme. Wie viele ältere Menschen kam auch sie regelmäßig zu unserem sozialen Mittagstisch. Weil das nicht möglich war, habe ich ausnahmsweise das Essen vorbeigebracht. Im Haus
habe ich gesehen, dass sehr viele Rollatoren vor den Haustüren stehen. Vermutlich saßen auch andere Bewohnende in ihren Wohnungen fest. Das hat mich auf die Idee gebracht, einfach zu fragen, wie es ihnen geht, ob sie etwas brauchen. Aus diesem Impuls heraus habe ich viele Leute gefunden, die einfach sehr verzweifelt waren, keine Angehörigen hatten, nicht wussten, an wen sie sich wenden sollten.

ICH HABE DESHALB ANGEFANGEN, DIESE HAUSTÜRGESPRÄCHE ÖFTER ZU FÜHREN - AUCH OHNE
AUSGEFALLENEN AUFZUG.

Wer hat Dir aufgemacht und sich auf das Gespräch eingelassen?

Das war ganz unterschiedlich. Einige der Menschen, mit denen ich sprechen konnte, hatten von uns, vom ASZ Hasenbergl schon gehört, aber bisher noch keinen Bedarf gehabt, zu uns zu kommen. In der aktuellen Notlage war dann unsere Telefonnummer nicht parat. Es wäre gut und wichtig, wenn sie bei uns angebunden wären; dann könnten wir uns gegenseitig erreichen in so einem Fall, falls mal sowas passiert. Andere Bewohnende kannten uns aber auch gar nicht. Ihnen habe ich mich nur vorgestellt. Falls sie Hemmungen hatten, zu uns zu kommen, habe ich diese Hürde damit hoffentlich etwas gesenkt.

Glücklicher Zufall, dass die Menschen die Tür geöffnet haben? Wie bist du vorgegangen? 

Ich gehe nicht rein in die Wohnung, das ist meine Grenze, die ich nicht überschreite. Manche Bewohnende laden mich ein, reinzukommen, aber das mache ich nicht. Ich finde, wenn man die Leute schon „überfällt“, dann muss man eine Grenze wahren. Ich möchte auch nicht, dass eine demente Person im Nachhinein denkt: „Oh Gott, da war jemand in meiner Wohnung. Wer war denn das überhaupt?“ Das kann ja im Nachhinein alles verschwimmen.
Deshalb bleibe ich klar draußen stehen, stelle mich vor, zeige meinen Dienstausweis. Dann kommen wir ins Gespräch. Meist gebe ich den Anwohnenden meine persönliche Durchwahl und dann verabreden wir uns vielleicht zu einem Anschlusstelefonat. Manche sind neugierig und wollen vorbeikommen. Und genau dann nehme ich sie auch wirklich hier in Empfang, zeige ihnen das ASZ Hasenbergl. Manche Menschen haben Berührungsängste, die muss man ganz, ganz langsam ranführen. Die Zeit nehme ich mir.

EIN KLEINER AST IN DIE GESELLSCHAFT. GERADE, WENN NIEMAND ODER NICHTS DA IST, WAS DIE MENSCHEN AUS DEM ALLEINSEIN HOLT. 

Und man muss auch sehen: Die Leute sind ja nicht wie wir digital angebunden, sie googeln keine Hilfsangebote oder Telefonnummern. Das findet schlichtweg nicht statt.

Was macht es mit dir, wenn du da dann relativ unvermittelt auf die Not der Senior*innen triffst?

Erstmal bin ich froh, dass sie jetzt sichtbar ist. Die Not ist ja da, das wissen wir. Man kann abschätzen, wie viele Häuser hier im Viertel ohne Aufzug sind, wie viele ältere Menschen dort wohnen. Über die Haustürgespräche kommen sie aus der Unsichtbarkeit, mit allen Problemen und Sorgen, die sie belasten. Ich bin in erster Linie froh, wenn die Menschen die Tür öffnen, sich mit mir unterhalten. Die Tür für eine fremde Person zu öffnen, ist auch mutig. Natürlich gibt es auch die Personen, die gleich im Flur ihre ganze Lebensgeschichte teilen möchten. Sie mache ich darauf aufmerksam, dass die ganze Nachbarschaft mithören kann. Wieder andere machen nicht
auf oder schließen die Tür direkt wieder, wenn ich mich vorstelle. Ich versuche, an alle Senior*innen unsere Broschüre zu verteilen, damit sie vielleicht in Ruhe doch einmal reinschauen können. Ein paar Mal ist es schon vorgekommen, dass sich einige der Menschen, die ich vor Wochen besucht habe, später mit konkreten Fragen wieder bei mir gemeldet haben. Zum Beispiel, weil sie eine Reha vor sich hatten und nicht wussten, wie sie im Anschluss versorgt sein würden. 

Wie gehst Du vor, um ins Haus und ins Gespräch zu kommen?

Ich klingel an ganz vielen Klingeln – ein bisschen, wie man das von den Paketzusteller*innen kennt – in einem großen Haus drückt dann immer jemand den Türöffner. Das fühlt sich für mich immer ein bisschen komisch an. Dann beginne ich in den oberen Stockwerken und arbeite mich herunter. Wenn ich dem Boden wieder näherkomme, hat das etwas Befreiendes für mich. Ich werde mit vielen Themen konfrontiert, aber weil ich alleine unterwegs bin, kann ich mich zum Gehörten gar nicht austauschen, nicht mal ganz kurz mit irgendwem.
Das kann manchmal ganz schön beklemmend sein. Für ein bis zwei Häuser – und mehr schaffe ich auch nicht an einem Tag – bin ich meistens zwei Stunden unterwegs.

Ich habe mir Tipps geholt, wie ich mit den Menschen ins Gespräch komme. Wie ich Menschen an der Haustür gut begegne und natürlich auch, was ich lieber nicht sagen sollte. Ich habe das ein bisschen ausprobiert: Ich sollte zum Beispiel nicht sagen, dass ich Sozialarbeiterin bin. Als ich das gesagt habe, wurde mir mehrfach direkt die Tür zugemacht. Ich kann nur vermuten, dass der Begriff „Sozialarbeiterin“ bei einigen Menschen ein ungutes Gefühl weckt, dass ich ihnen etwas wegnehmen wollte, sie in ihrer Autonomie begrenzen möchte. Dass sie den Anschein erweckt haben, nicht mehr alleine klar zu kommen. Auch der neue Trägername war noch nicht allen bekannt, bis ich hinterhergeschoben habe: Kennen Sie die Diakonie Hasenbergl? Das war dann der Türöffner. Das funktioniert als Marke sehr gut, so nehme ich das wahr. Ich sage auch oft nicht ASZ, weil das ein bisschen sperrig ist, sondern
offene Senior*innenarbeit. Dann können sich die Menschen auch vorstellen, worum es geht.

Wie grenzt du dich ab?

Ich sage mir ganz oft, dass diese Probleme ja nicht weg sind, nur weil wir sie nicht sehen. Weil sie uns nicht sichtbar sind. Und leider Gottes gehört es auch zu unserer Arbeit hier im ASZ Hasenbergl, ist ein Stück Normalität. Wenn man mit alten Menschen zu tun hat, dann merkt man, dass die Erzählungen eben keine Einzelschicksale sind, sondern strukturelle Probleme. In diesem Moment werde ich dann eher wütend, weil wir keine barrierefreie Wohnungen haben und weil Aufzüge nicht repariert werden und so weiter. Natürlich bewegt mich das Einzelschicksal, aber es macht mich eher strukturell wütend. Manchmal entsteht aus dieser Wut dann eine Kraft, etwas zu tun, z.B. zur Hausverwaltung Kontakt aufzunehmen. Das habe ich schon einmal gemacht, als ein Aufzug mehrere Tage stillstand. Als ich mich von Institutionsseite an die* Vermieter*in gewandt habe, wurde die Reparatur beschleunigt.

ICH STELLE FEST, DASS DIE ÄLTEREN MENSCHEN, DIE HIER ALLEINE LEBEN, OFT KEINE LOBBY
HABEN. NIEMANDEN, DER SICH FÜR SIE EINSETZT.

Es ist furchtbar, dass das Anliegen erst ernst genommen wird, wenn ich von einer anderen Stelle, in dem Fall von der Stiftung zusammen. tun. bzw. dem ASZ Hasenbergl anrufe. Ich sehe zwar, dass unser Einsatz Wirkung zeigt, aber es ist schade, dass in so einem Fall nicht die Meldung der Bewohnenden ausreicht.

Wie dokumentierst Du die Haustürgespräche?

Ich habe dafür einen kurzen Fragebogen erstellt, in den ich anonymisiert eintrage, wenn eine Person aus dem Haushalt mit mir spricht, was mir die Senior*innen erzählen: Kennen Sie das ASZ? Wenn ja, waren Sie schon einmal im ASZ? Wenn nein, warum haben sie uns noch nicht aufgesucht? Ich versuche ein bisschen zu ergründen, warum Leute uns nicht kennen, warum andere, die uns kennen, nicht zu uns kommen. Welche Wünsche die Senior*innen haben, denn ich habe auch schon mit Menschen gesprochen, die schon einmal da waren, aber offenbar nicht von unserem Angebot überzeugt wurden. Dann frage ich natürlich: Was können wir
besser machen?

Du hast schon viele Gespräche geführt. Welche haben dich besonders bewegt? Und warum?

Da fällt mir sofort eine ältere Frau ein, sie kannte uns nicht. Als sie die Tür geöffnet hat, war sie sehr verweint, sie hatte gerade ihren Mann verloren in der Nacht, war allein, hatte keine Kinder. Ich habe einfach mit ihr gesprochen, versucht, ihr Trost zu geben. Dabei ging es nicht ums ASZ oder unsere Angebote. Sie war einfach nur dankbar, dass jemand da war und mit ihr gesprochen hat. Eine andere Frau, in deren Haus tatsächlich der Aufzug ausgefallen war, die wusste nicht, was los war, auf dem Zettel beim Aufzug stand nur, dass er defekt
war. Sie hatte nichts mehr zu essen, der Kühlschrank war leer – das war der einzige Fall, bei dem ich tatsächlich einmal in der Wohnung war. Das war die einzige Ausnahme, weil die Frau schon in einem desolaten Zustand war. Sie hatte einen wichtigen Arzttermin, wusste nicht, wie sie zum Arzt kommen sollte. Wir haben dann sehr spontan Trage- und Einkaufshilfe installieren können. Das war gut.

OFT FRAGE ICH MICH DANN: WIE OFT SIND WIR NICHT DA? ODER WIE OFT IST HINGEGEN
NIEMAND DA? MEISTENS BEKOMMEN WIR DIESE SORGEN UND NÖTE NICHT MIT, WENN DIE MENSCHEN NICHT AN DAS ASZ ANGESCHLOSSEN SIND.

Soll das Angebot „Haustürgespräche“ ausgeweitet werden?

Ich glaube nicht, dafür haben wir keine Kapazitäten. Da ich als Dualstudierende im ASZ tätig bin, sind meine Stunden sozusagen „on top“. Ich denke, sonst wäre das nicht möglich. Aber ich würde es mir wünschen, einfach als Ergänzung der SAVE-Stelle.

Wir danken für dieses Gespräch
 

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